Schürfen dürfen

Könnte das von der Leserschaft kaum bemerkte Schürfen einer Kryptowährung auf deren PCs oder Smartphones die gesuchte simple Möglichkeit sein, für Onlinejournalismus zu bezahlen? Die Medien berichten zwar ausführlich über die Blockchain und darauf basierende Technologien, aber sie haben deren Potenzial für die eigene Nutzung noch nicht ausgelotet.

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Blockchain und smart contract gehören zu den Buzzwords der Stunde. Es scheint, als gäbe es kaum ein neues digitales Konzept oder Produkt, das sich nicht auf diese Technologien stützt – oder zumindest mit diesen wirbt. Am berühmtesten ist natürlich die Anwendung der Blockchain als Kryptowährung: der Bitcoin beschäftigt die Gemüter fast so sehr wie Donald Trump. Der Messengerdienst Telegram will sogar ein alternatives, dezentrales Internet mit der Blockchain verwirklichen und dafür, stilecht, Geld durch Crowdfunding sammeln.

Kürzlich haben die Medien darüber berichtet, dass verschiedene Webseiten auf den Computern ihrer Nutzer heimlich ein Programm laufen ließen. Dieses Programm nutzte einen Teil der Prozessorleistung der Rechner der Leser, um Geld zu generieren. Möglich macht das die Kryptowährung coinhive. Unbemerkt vom Nutzer führt der Computer im Browser die Berechnungen aus und schürft so für den Webseitenbetreiber digitales Geld.

Der Tenor in der Berichterstattung über diese Versuche, Nutzern über die Stromrechnung – denn Prozessorleistung verbraucht Energie – Geld abzuzwacken, war negativ. Zurecht, denn der Vorgang lief heimlich ab und verlangsamte zudem einige der betroffene Rechner. So gesehen wirkt coinhive genau wie Schadsoftware.

Eine technologische Lösung?

Ließe sich diese Technologie nicht aber nutzbar machen für den Onlinejournalismus? Dieser krankt nicht zuletzt daran, dass er keine einfache Möglichkeit bereitstellt, sich für seine Leistungen bezahlen zu lassen. Wer für Journalismus online Geld ausgeben will, muss sich mit seinen persönlichen Daten, inklusive Anschrift und Bankverbindung registrieren, ein Abo abschließen und darf dann doch nur alle Artikel dieses einen Mediums lesen. Dieses Prinzip verkennt die heutige Realität der Mediennutzung. Benötigt wird stattdessen eine universelle, maximal simple Methode, für Onlinejournalismus zu bezahlen.

Das von der Leserschaft kaum bemerkte Schürfen einer Kryptowährung auf deren PCs oder Smartphones eine solche Methode sein. Entscheidend wäre einerseits die technische Implementierung: Die user experience dürfte keinenfalls darunter leiden. Die Seite oder das gesamte Gerät dürften sich durch den Einsatz der Software also nicht verlangsamen. Zudem dürfte der Schürfprozess nicht zu teuer werden, also nur zeitlich begrenzt ablaufen. Eine Möglichkeit wäre, das crypto mining, wie es im Englischen heißt, nur in aktiven, sich im Vordergrund befindlichen Browsertabs ablaufen zu lassen. So wäre sichergestellt, dass nur die Lesezeit abgerechnet wird. Als weitere Absicherung wäre eine maximale Schürfdauer pro Artikel sinnvoll. Vernünftig erscheint zudem, nur bei eigentlichen Artikeln „abzurechnen.“ Die Hauptseiten der Portale können in diesem Sinne als Inhaltsverzeichnisse verstanden werden.

Überhaupt wäre es sehr hinderlich, wenn User befürchten müssten, über die Stromrechnung (gefühlt) übermäßige Beträge löhnen zu müssen. Technisch wäre es sicherlich machbar, etwa über ein Browser-Plugin, die Kosten über alle teilnehmenden Medien hinweg auf fünf oder höchstens 10 Euro im Monat zu begrenzen. Unterhalb davon wird nur bezahlt, was gelesen wird.

Andererseits wäre die Offenheit der Anbieter gegenüber ihren NutzerInnen hinsichtlich dieser Art der Monetarisierung unverzichtbar. Nichts wäre abträglicher, als einen geheimen Testlauf durchzuführen. Jemand würde es merken und den Vorgang als Malware erkennen. Das Vertrauen wäre dahin. Eine erfolgsversprechende Herangehensweise müsste LeserInnen offensiv informieren – über die Funktionsweise sowie die Vor- und Nachteile der Technologie sowohl für das Medium als auch für die Leserschaft selbst.  Nicht zuletzt sollte NutzerInnen die Wahl gelassen werden zwischen klassischen Abomodellen, bisheriger werbebasierter Monetarisierung und dem Kryptoschürfen, das sich übrigens ebenso blocken lässt wie konventionelle Onlinewerbung.

Vorteile für Betreiber, Journalisten und Leserschaft

Die potenziellen Vorteile der Generierung von Geld in Abhängigkeit von Lesedauer sind klar. Am wichtigsten: Onlinejournalismus wirft überhaupt Geld ab. Natürlich erhalten Webseitenbetreiber auch durch Werbung Geld, aber wieviele professionelle Portale können sich allein dadurch finanzieren? Durch crypto mining könnte eine neue, von Werbung unabhängige Geldquelle erschlossen werden. Von Werbung unabhängig? Vielleicht sogar etwas unabhängiger vom Fokus auf die reinen Klickzahlen. Mit möglichen Rückwirkungen auf die Art der Inhalte. Nicht mehr Fotostrecken und simple Nachrichten, nicht mehr Listicles und sonstiges click-baiting brächten die größten Einnahmen, sondern fundierte Recherchen, ausführliche Analysen oder intensive Interviews könnten – na, vielleicht nicht gerade zur Norm werden, aber die Mischung im Onlinejournalismus bereichern und austarieren. Im besten Falle ohne Querfinanzierung durch Print- und ergänzende Verlagsgeschäfte. Kurz: das neue Modell könnte Anreize für „guten“ Journalismus setzen, da die Lesedauer zählt, nicht Klicks.

Nur, was wären die Vorteile der LeserInnen? Zum einen könnten sich einen Wunsch, den sie schon so lange hegen, endlich erfüllen: unkompliziert für Onlinejournalismus bezahlen. Das macht nicht nur Spaß, sondern sorgt auch für ein gutes Gewissen. Zum anderen profitierten sie auch direkt vom Wegfallen der Werbeanzeigen. Nicht nur verbesserte sich dadurch die user experience, sie müssten sich auch keine Gedanken mehr darüber machen, wer über Onlinewerbung welche Daten abgreift und zu nutzen trachtet. Nicht zuletzt dürften sich alle Nutzer, ob sie sich nun zum schürfen entschließen oder nicht, über angesprochenen Anpassung des journalistischen Angebots an die neuen Verwertungsbedingungen freuen.

Klingt utopisch? Ist es vielleicht auch. Ich erhebe nicht den Anspruch, die Lösung aller Finanzprobleme des Onlinejournalismus gefunden zu haben. Aber ein interessantes Gedankenspiel ist es allemal – und vielleicht eine Möglichkeit Journalismus online finanziell tragfähiger zu machen.

 

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