Die Legende der Arba Lijoch

1924 adoptierte der letzte Kaiser Äthiopiens 40 armenische Waisen. Als Staatsorchester wurden sie berühmt und veränderten die Kultur des afrikanischen Landes für immer.

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Als der äthiopische Kronprinz Tafari Makonnen 1924 Jerusalem besuchte, hatte er sicherlich nicht erwartet, eine solche Fracht zurück in seine Heimat zu bringen: ein Blasorchester bestehend aus 40 armenischen Waisen. Makonnen, heute bekannter unter dem Namen Haile Selassie I., traf die Knaben bei einer Visite des armenischen Viertels und der dortigen St. James Armenian Apostolic Church. Der Patriarch dieser orientalisch-orthodoxen Kirche klagte dem äthiopischen Regenten das Leid der Kinder. Diese hatten ihre Eltern im türkischen Genozid an den Armeniern verloren.Die Kirche könne leider kaum für die Unterbringung der Kinder aufkommen, bedauerte der Kirchenmann. Sowohl das Schicksal der 40 Knaben als auch deren Spiel muss Makonnen sehr berührt haben. Kurzerhand schlug er vor, das gesamte Blasorchester mit nach Äthiopien zu nehmen. Dort sollten die jungen Musiker unter der Begleitung eines Priesters der apostolischen Kirche nicht nur Obdach finden und verpflegt werden. Makonnen versprach auch, dass die Kinder in die Schule gehen und eine Ausbildung zu Orchestermusikern erhalten würden. Welchen Einfluss diese Entscheidung auf die äthiopische Musik- und Kulturszene haben würde, dürfte der Regent kaum geahnt haben.

Dass gerade armenische Kinder die Aufmerksamkeit und Anteilnahme des Kronprinzen erregten, mag indes kein Zufall gewesen sein. Die armenisch-äthiopische Geschichte reicht weit zurück. Handelsbeziehung zwischen den beiden Ländern sind bis in das zweite Jahrhundert nach Christus belegt. Im frühen siebten Jahrhundert intensivierte sich der kulturelle Austausch basierend auf der gemeinsamen Glaubenszugehörigkeit. In beiden Regionen hatte sich das orthodoxe Christentum früh verbreitet. Ab dem späten 19. Jahrhundert existierten größere armenische Populationen in der Hauptstadt Addis Abeba sowie in Harar und Dire Dawa. Dort gehörten die Armenier zu den höheren Gesellschaftsschichten. Sie lebten als Geschäftsleute und Beamte, sogar als Diplomaten. Nicht zuletzt sollten sie später, 1936, auch im äthiopisch-italienischen Krieg auf Seiten des afrikanischen Staates kämpfen.

Armenier halfen also dabei, Äthiopiens Status als einziges nie kolonisiertes Land Afrikas zu bewahren. Dieser Dienst am Staat verhinderte jedoch nicht, dass die armenische Bevölkerung von 1975 an unter der 18 Jahre währenden Herrschaft des stalinistischen Derg-Regimes auch in Äthiopien Opfer von Verfolgung wurde. In den folgenden Jahrzehnten dezimierte sich die armenische Gemeinschaft stark. Sie sollte sich seit dieser Zeit nie wieder erholen. Heute leben in Addis Abeba noch etwa 100 Menschen armenischer Abstammung, deren Leben vor allem durch die dortige St. George Apostolic Church sowie die noch immer existente armenische Schule verwoben sind.

Als die „Vierzig Kinder“, in der äthiopischen Amtsprache Amharisch „Arba Lijoch“, errang das importierte Blasorchester landesweite Bekanntheit. Schon bald sollten sie zum ersten kaiserlichen Orchester Äthiopiens werden, um bei offiziellen Anlässen aufzuspielen. Kevork Nalbandian, seinerseits ebenfalls armenischer Exilant, zeichnete für die musikalische Entwicklung verantwortlich. Tafari Makonnen hatte den Diplomchorleiter, Professor, Komponist und Multiinstrumentalist eigens engagiert, um sich der Ausbildung der Waisen anzunehmen. Zuvor hatte Nalbandian in Kairo gelebt. Er machte aus den Arba Lijoch jedoch nicht nur ein professionelles Blasorchester. Indem er seine eigenen Kompositionen auf den Lehrplan setzte, beeindruckte er auch den Kronprinzen, welcher bei Nalbandian prompt eine neue Nationalhymne in Auftrag gab. Deren Premiere war zugleich die der „Vierzig Kinder“ als kaiserliches Orchester: die Krönungszeremonie Tafari Makonnens, der fortan Haile Selassie I. hieß, zum Kaiser Äthiopiens.

Die Kompositionen Nalbandians und die gute Ausbildung der armenischen Waisen war jedoch nur ein Grund für den Erfolg der Gruppe. Der andere wichtige Aspekt: Blechblasinstrumente waren Anfang des 20. Jahrhunderts in Äthiopien kaum verbreitet. Musiziert wurde dort bis dahin vor allem auf traditionellen Saiten- und Holzblasinstrumenten. So entwickelte das Blasorchester eine kulturelle Wucht, da es die Bevölkerung des ostafrikanischen Staates mit völlig neuen Klängen betörte.

Und diese Klänge verbreiteten sich. Nalbandian wurde bald beauftragt weitere Musiker und Orchester auszubilden, etwa im Militär. Es dauerte nicht lange, bis Trompeten und Posaunen auch die Populärmusik Äthiopiens erreichten. Schon 1973 stellte eine Veröffentlichung der Universität Addis Abebas fest, der große Einfluss der ersten kaiserlichen Blaskapelle währe seit 50 Jahren. Kevork Nalbandian und dessen Neffe Nerses hätten nicht zuletzt entscheidend zur Entstehung des Ethio-Jazz beigetragen. Dieser vermischt äthiopische Rhythmen und Skalen mit populären westlichen Stilistiken zu einem einzigartigen Jazz-Funk – natürlich mit prominentem Einsatz der Blechbläser.

Vor allem auf Nerses Nalbandian ist dieses Überschwappen in den Pop zurückzuführen. Der Neffe Kevorks wurde nicht nur musikalischer Leiter des Nationaltheaters, sondern übernahm nach und nach auch die Stellen seines alternden Onkels. Ab den 1940er-Jahren prägte er die Musik Äthiopiens. So bildete er einige der erfolgreichsten Interpreten des Ethio-Jazz aus, der in den 1950ern seinen Anfang nehmend am Ende der 1960er-Jahre seinen kreativen und kommerziellen Höhepunkt fand. Hätte Tafari Makonnen 35 Jahre zuvor nicht die Vierzig Kinder nach Äthiopien gebracht, dann wäre diese gesamte Entwicklung nicht denkbar gewesen.

Es ist eine Episode überliefert, in der sich das wunderliche Schicksal der Arba Lijoch verdichtet. Als kaiserliches Orchester spielten sie regelmäßig bei Staatsempfängen auf und übten zu diesen Anlässen die jeweiligen Hymnen der Heimat der Staatsgäste ein – bis der Besuch türkischer Gesandter nach dem Vortrag der türkischen Nationalhymne verlangte. Die Arba Lijoch weigerten sich zunächst vehement, das Stück einzustudieren, ließen sich aber von höchster Stelle schließlich doch dazu überreden. Am Tag des türkischen Staatsbesuchs traten sie wie geplant ihren Dienst an. Sie spielten ein armenisches Volkslied.

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