49 Runden um den Albrecht-Dürer-Park

100 Runden um den Albrecht-Dürer-Park! Die genialisch-langweilige Idee für diesen Artikel ist ein Experiment: Was kommt dabei heraus, wenn ich viele Schritte mit wenig anderem kombiniere?

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Der Park liegt in der Südvorstadt Leipzigs und nimmt genau einen Straßenblock ein, hat also annähernd die Form eines Quadrats. Zwei diagonal verlaufende Fußwege durchkreuzen die Grünanlage, in deren Mitte sich eine Freifläche befindet, die ebenfalls quadratisch ist. Das Zentrum des Parks, den Schnittpunkt der Diagonalen, bildet ein in einem Sandkasten aufgestelltes Klettergerüst für Kinder. Mit seiner kompakten, dreidimensionalen Gitterkonstruktion aus Seilen erinnert es entfernt an das Brüsseler Atomium. An den vier Seiten des inneren Quadrats befinden sich Sitzbänke. Um den Park herum führt ein ungepflasterter, etwa drei Meter breiter Weg. Litfaßsäulen zieren zwei der vier Ecken. Ich will sie jeweils einhundert Mal passieren.

Gegen den Uhrzeigerzeigersinn verläuft die Reise. Eine unendliche Allee, gesäumt von großen Ahornbäumen, wie selbst ich zu erkennen imstande bin (danke, Kanada). Näher am Boden befinden sich Sträucher und Büsche, lauern Brennnesseln im Dickicht. Zur Straße hin wird der Weg wahlweise von Grasstreifen oder unförmigem Grüngestrüpp begrenzt – und manchmal von einer gewagten Kombination beider Varianten. Wäre ich Terrorist, ich würde an einem Ort wie diesem zuschlagen. Nirgends wäre die Botschaft, dass es wirklich immer und überall passieren kann, wirkungsvoller: kaum Menschen, auch keine „wichtigen“, keine symbolische Aufladung des Ortes, des Zeitpunktes oder einer Veranstaltung. Hier einen Anschlag zu verüben wäre die gezielte Erzeugung diffuser Angst durch völlige Beliebigkeit.

Die  klimatischen Bedingungen für diese strapaziöse Unternehmung sind jedenfalls nicht schlecht. Also für die Rundenwanderung, nicht für den Anschlag. Die hochsommerlichen Temperaturen und die wolkenlosen Himmel der vorigen Tage sind einem milderen Wetter um 20° C bei inkonsequenter Bewölkung und seichter Brise gewichen. Nur im Gehen zu schreiben erweist sich derweil als wirklich schwierig. Hier wird die Leserlichkeit der Idee geopfert. Ob das Knicken des Hefts, das ich für mein Geschreibsel nutze, auch nur die geringste Verbesserung gebracht hat? Unklar. Die Schreibgrundlage ist starrer, keine Frage. Womöglich übertragen sich aber die kinetischen Schocks eines jeden Tritts, wird jede Unebenheit, jeder Stein und jeder Ast, der unter die Schuhe gelangt, noch verstärkt durch das steifere Heft. Diese Frage bleibt trotz wechselndem halbseitigen Knicken und Entknicken unbeantwortet, eine entscheidende Verbesserung stellt sich in keinem Falle ein.

Wo drückt der Schuh sonst noch? Am Fuß natürlich. Die neuen Lackledertreter müssen noch eingetragen werden. Mal wieder kommen Zweifel darüber auf, ob der Kauf dieses recht kostspieligen Paars nicht ein ärgerlicher Fehler war. 100 mal im Karree zu gehen ist aber gute Gelegenheit, das Material geschmeidiger zu machen und zu dehnen, bis es zum Fuß passt. Oder bis der Fuß dem Schuh passt. Wobei 99 eigentlich die prägnantere Zahl ist und einen klickverführenderen Titel hergäbe. Eine Schockalliteration in Zahlen sozusagen. Das hat schließlich auch das Zeit-Magazin mit seinen „99 Fragen an …“ erkannt. Außerdem würe sich damit mein Trip um ein ganzes Prozent verkürzen. Das wäre also entschieden: Today I’m gonna party like it’s round 99!

Fragt sich, wann die großen Ideen kommen, die diesen Artikel lesenswert machen sollen. Hatten nicht auch die griechischen Philosophen ihre großen Eingebungen, während sie denkend die Gärten Athens durchschritten? Meine Gedanken wandern zwar ebenso wie meine Beine, große Einsichten hatte ich aber leider noch nicht. Stattdessen erweist es sich als erstaunlich schwierig, die absolvierten Runden verlässlich zu zählen. Die südliche Litfaßsäule passierend wollte ich per Strichliste die zurückgelegte Strecke nachvollziehen. Aber habe ich letzte Runde wirklich einen Strich ins Heft gesetzt? Und in den beiden davor?

Gut anderthalb Stunden bin ich jedenfalls schon unterwegs. Lässt sich daran nicht rekonstruieren, wie oft ich den Park bereits umrundet habe? Stoppen wir also die Zeit, die es dauert, eine der Quadratseiten zu abzulaufen. Recht schnellen Schritts, jedes einzelnen bewusst, brauche ich etwa eine Minute. Multipliziert mit 4 für die komplette Runde, multpliziert mit 100 für die gesamte Aktion, geteilt durch 60 Minuten – Moment! Dass das hier eine längere, eine übermäßig lange Aktion werden würde, war von vornherein klar. Es war sogar Teil der Grundidee. Die äußere Monotonie sollte die innere Gedankenwelt anregen. Das Erleben einer Extremsituation sollte Wahrnehmung und Denkprozesse in ungekannte Bahnen zwingen. Es sollte ums Durchhalten gehen. Gegen die Lust, gegen die Vernunft und die offensichtliche Sinnlosigkeit des Unterfanges. Um des Prinzipes willen.

Aber doch nicht so lange, nicht so weit! Kurzum, eine Lösung muss her, eine weitere, deutlichere Straffung des Programms. Welche Zahlen kämen in Frage? Zahlen im zweistelligen Bereich, die einerseits eine erträgliche Wanderdauer verheißen und andererseits das Artikelkonzept nicht völlig entkernen. 77? 66? 55. Ja, das ist gut. Das hält die Waage zwischen Idee und Durchführung, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Fußweh und Schreibertrag.

Zurück zur Ausgangsfrage. Nach nunmehr knapp zwei Stunden – selbst bei der Rate von einer 45 Grad-Drehung pro Minute stellt sich übrigens irgendwann ein leichtes Schwindelgefühl ein – habe ich also etwa 30 Runden hinter mir. Genauer kann ich es nicht taxieren. Aber kommt es darauf an? Auf die sklavische Klammerung an eine von Beginn an willkürliche Vorgabe? Eine Zahl, die operativ bereits zwei mal auf andere, ebenso willkürliche Zahlen reduziert wurde? Nein. Wichtiger ist die Geisteshaltung. Das ist wie mit der Magie bei Terry Prachett, im Hexenzirkel um Oma Wetterwachs. Auch wenn die Zutaten nicht stimmen, der Ort der falsche ist und sich keine der runzeligen Damen der korrekten magischen Worte erinnert – dank der richtigen Attitüde gelingt der Zaubertrank doch.

In der Zwischenzeit hat die Bewölkung an Entschlossenheit gewonnen, Wind und Windstille wechseln sich periodisch ab. Die Blätter rauschen und die Autos rauschen am Albrecht-Dürer-Park vorüber. Nicht um die Wette, denn dazu fehlt es beidem Rauschen an Intensität und Beharrlichkeit. Menschen trifft man hier ebenfalls, es sind die üblichen Verdächtigen. Junge Eltern mit ihren Kindern, Hunde und deren Besitzer allen Alters, Jogger und spazierengehende Pärchen. Auf einer der Parkbänke fließt bereits das Dosenbier, ein vertrautes Bild. Viele Leute sind es nicht. Dazu sind die Wolken zu stark, die Sonne zu schwach und die Betten zu weich. Steht zu hoffen, dass niemand lange genug bleibt, um zu bemerken, wie ich hier meine Runden drehe.

Ohnehin sind es nur noch 6, nachdem ich ja nur mehr 55 zu absolvieren gedachte, Karl Kraus lässt grüßen. Der hatte einst als penibler Richter korrekter Sprache klargestellt: „Nur noch“ steht ablaufenden Reduktionsvorgängen zu, während „nur mehr“ dem Vergleich von Zuständen dient. So sind vielleicht nur noch wenige Schlücke im Bierglas, dafür kostet ein frisch gezapftes Helles aber nur mehr 2€, nachdem es früher noch 3€ waren (dieses Beispiel ist offensichtlich in einem Paralleluniversum entnommen).

6 Runden sind jedenfalls machbar, Endspurt sozusagen. Es wird aber auch Zeit. Die Schuhe sind zwar tatsächlich geschmeidiger, aber dafür mit kleinen Steinen gefüllt. Die Lippen trocknen aus, die Trinkflasche ist leer ebenso wie der Magen und Proviant gibt es nicht. Außerdem senkt sich eine Mattheit über meinen Geist, die nur eine Tasse schön schwarzen und leckeren Kaffees zu vertreiben vermöchte. Überhaupt: Irgendwann ist der Spaß vorbei, ist jede Parkwindung vertraut, jeder Hund gegrüßt und jede Lust vergangen, weitere Notizen aus dieser Idee herauszuquetschen. Eine Frage blitzt durch die Synapsen und bahnt sich den Weg ins Bewusstsein. „Muss ich mir heute wirklich noch irgendetwas beweisen?“

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