Was der Verbraucher mag

Es ist kurz nach fünf Uhr morgens. Mitte Juni, nahe der Sommersonnenwende, ist der Tag zu diesem Zeitpunkt schon angebrochen, die Luft jedoch kühl. Die Sonne findet noch nicht die rechte Kraft, sich gegen die zwar löchrige aber resolute Wolkendecke entscheidend zu behaupten. So entfaltet sie ihre Strahlkraft auf nur unbefriedigende Weise. Einzelne Radfahrer sind unterwegs – noch oder schon – und passieren den Platz am Leipziger Sportforum. Auf einer Fläche so groß wie das Spielfeld der im Hintergrund prangenden RedBull-Arena geht es  gemächlich zu, während nach und nach meist weiße Lieferwägen ihren Weg auf die geteerte Fläche finden. Ein paar Baumreihen sorgen für grüne Farbkleckse und strukturieren zusammen mit einer grauen Betonmauer das ansonsten plane Areal. Arbeitsgeräusche wehen mit der seichten Brise über das Gelände – Alu auf Alu, Alu auf Teer. Die ersten Händler schieben Stangen ineinander, bauen Tischreihen auf, errichten ihre Stände. Viel reden die Männer dabei nicht. Wozu auch? Jeder Handgriff ist durch hundertfache Wiederholung ins Kleinhirn gebrannt, jeder weiß, was er zu tun hat. Hektik kommt dabei nicht auf, denn noch ist Zeit genug, bis der Verbrauchermarkt um sieben Uhr offiziell eröffnet wird.

Diesen samstags abgehaltenen Markt gibt es bereits seit 1990 und immer schon befand er sich in der Nähe des alten Stadions. Nur war er früher zehn mal so groß und verteilte sich rund um die geschichtsreiche Sportstätte, ursprünglich Zentralstadion genannt. Schon die Nazis hatten es als Adolf-Hitler-Stadion erbauen wollen. Die Pläne für ein großes Leipziger Fußballstadion verwirklichte allerdings erst das DDR-Regime. Und groß sollte es wirklich werden: mit einem Fassungsvermögen von 100 000 Personen war es bis zu seinem Umbau für die WM 2006 die zweitgrößte Fußballarena Europas. Nur das giganteske Prager Strahov-Stadion, das nicht nur bis zu 250 000 Zuschauern, sondern auch gleich mehreren Spielfeldern platz bot, übertraf den DDR-Bau. Dieser war aus 1,5 Million Kubikmetern Kriegstrümmern errichtet worden und diente als Schauplatz der wichtigsten Sportveranstaltungen des kommunistisch beherrschten Teils Deutschlands.

Als kurz nach der Wende viele Handeltreibende in Leipzig die Gelegenheit für ein gutes Geschäft witterten, ging es zunächst wild zu. Im gesamten Innenstadtbereich sprossen die Verkaufsstände ohne Konzept und ohne wirksame Regulierung. Das regte die Idee an, die Händler zu bündeln und am Zentralstadion fand sich ein geeigneter Platz: viel freie Fläche bei gleichzeitiger Nähe zur Stadtmitte. Zusätzlich bot die Sportstätte eine eindrucksvolle Kulisse. So erzählt es Matthias Seifert, der Veranstalter des Marktes. Seit 24 Jahren ist er schon dabei, sein Vater hatte die ursprünglich Konzentrierung des Marktgeschehens am Sportforum vorangetrieben. Seifert ist eine füllig-sympathische Erscheinung, eine nachtblaue, gesteppte Barbourjacke und eine graugesprenktelte Schiebermütze rahmen das vollbärtige Gesicht. Es wirkt ein wenig verlebt, die Augen traurig, direkten Blicken weichen sie aus. Vielleicht liegt das am frühen Aufstehen oder der Sorge, es werde zu regnen beginnen. Vielleicht aber hängt es auch damit zusammen, dass der Markt in den letzten 20 Jahren um 90 Prozent geschrumpft ist.

Was waren die Gründe für eine derart drastische Entwicklung? Zunächst einmal war da der außergewöhnliche Konsumdurst der ostdeutschen Bevölkerung nach der Wende als Startbedingung. Nach vier Jahrzehnten in der real existierenden Mangelwirtschaft kosteten die Menschen die neue Warenvielfalt so gut es ging aus, erzählt Seifert wehmütig. Im Laufe der Zeit aber habe sich das Kaufverhalten der Leute normalisiert. Ein anderer Faktor, die Konkurrenz, war zu Beginn kaum vorhanden. Erst nach und nach etablierte und differenzierte sich diese aus. So waren in den neuen Bundesländern zunächst weder Baumärkte noch Discounter wie Aldi oder Lidl verbreitet. „Deshalb kauften Leute eben auf den Verbrauchermarkt ein“, folgert der Organisator.

Knapp zwei Stunden sind vergangen, um sieben Uhr soll es nun also endlich losgehen. Nur von möglichen Käufern ist noch nichts zu sehen. Hin und wieder passiert ein Jogger das noch immer lose Marktplatzgefüge und alle zehn Minuten hält eine U-Bahn gleich neben den vordersten Ständen. Begeisterte Marktteilnehmer aber steigen nicht aus. Es muss wohl ein stillschweigendes Übereinkommen der Händler und Kunden geben: Sieben Uhr morgens ist einfach zu früh, erst recht an einem Samstag. So erklärt sich auch die konsequente Gelassenheit mit der auch jetzt noch die Waren ausgelegt und eingepreist werden.

Fotografierenden, die irgendwie nach „Journaille“ aussehen, lassen die Marktoffiziellen diese Gelassenheit indes nicht zuteilwerden. Schlechte Erfahrungen hätten sie mit der Presse gemacht, entschuldigt Seifert das direkte bis unfreundliche Auftreten seiner Mitarbeiter. Reporter der BILD hätten vor Jahren versucht, den Verbrauchermarkt wegen vermeintlicher Misstände bei den Arbeitsbedingungen anzukreiden. Belastbares ist dabei nicht herausgekommen, aber seitdem reagieren sie hier vorsichtig – um nicht zu sagen: empfindlich – auf Presse.

Spulen wir zwei weitere Stunden vor, und siehe da – die Sonne hat in der Auseinandersetzung mit den Wolken den Kürzeren gezogen. Durch die dichte Wolkendecke dringt diffuses Licht, das den Tag grau tüncht. Zu Hell für die Augen, zu dunkel für die Kamera. Dafür haben sich nun endlich kauffreudige Menschen eingefunden. Sie halten Ausschau nach „Gemüse und Neuwaren“, wie Matthias Seifert das Angebot und Konzept des Marktes umreißt. Obst und Kräuter gibt es natürlich auch. „Melonen: ein Euro! Bananen: ein Euro! Äpfel: ein Euro!“ preist ein Verkäufer lauthals seine Waren an. Das hat zwar nicht die von tief innen nach außen transportierte Überzeugung eines Aale Dieter vom Hamburger Fischmarkt. Aber dass es hier günstiges Obst gibt, wird dennoch deutlich. So leicht lassen sich die erfahreneren unter den Käufern jedoch nicht verführen. Sie wissen, dass es sich lohnt, vor dem Zugreifen über das Areal zu schlendern, alle Angebote auszukundschaften, um schließlich bei den schönsten Tomaten zum besten Preis zu zuschlagen. Dass die Händler ihre Angebote spontan an das sich ständig verändernde Marktgeschehen anpassen, fordert das Geschick der Käufer – und sorgt für den Spaß, den diese nicht haben, wenn sie beim Supermarkt um die Ecke einkaufen.

Bleibt die Frage, ob Seifert nicht gedenke, sein Konzept zu verändern, zu modernisieren, um wieder mehr Menschen ans Sportforum zu locken. Er überlegt einen Moment, bei der Antwort klingt er zunächst resigniert: „Streetfood sollen junge Leute machen.“ Aber, beherzter: „Der Markt ist immer noch eine gute Möglichkeit, sich für die ganze Woche mit Gemüse einzudecken. Besonders für Leute, die nicht so viel Geld haben.“ Daran muss nichts modernisiert werden.

 

 

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